Warum Sauerteig mehr ist als nur ein Brot

von | 09. März 2025 | Foodie, Lebensweise

Brotbacken ist mehr als ein Rezept und ein Ofen. Es ist eine Reise der Sinne, eine Herausforderung von Geduld und Hingabe. Und es ist eine Verbindung zum Leben.
Warum ist Sauerteig für mich nicht nur ein Backtriebmittel, sondern vor allem ein Lehrer in Sachen Vertrauen, Verbundenheit und Wachstum? In jedem Teig steckt ein kleines Wunder – man muss ihm nur Zeit geben, sich zu entfalten.

Ein tieferer Blick auf die Bedeutung des Backens

Kennst du auch diesen herrlichen Duft, wenn irgendwo frisches Brot gebacken wird? Dieses warme, wohlige Aroma, das dich für einen Moment innehalten lässt und Erinnerungen weckt? Vielleicht an gemütliche Sonntage, an das Zusammensein mit lieben Menschen oder an einen Moment purer Geborgenheit? Und nicht zu vergessen, was der Duft im Mund für einen Speichelsturz auslöst…

Heutzutage zieht dieser Duft mehrmals in der Woche durch unsere Wohnung. Und ja – manchmal auch bis ins Treppenhaus. Wir wurden schon mehrfach von den Nachbarn angesprochen, dass es bei uns immer so lecker riecht. 😉

Das Brotbacken begleitet mich schon lange. Begonnen hat es schon in der Kindheit. Ich kann mich noch an Brotback-Kurse von der VHS erinnern, die ich als Jugendliche gemeinsam mit meiner Mutter besucht hatte. Damals habe ich den Altersschnitt ziemlich gesenkt. In der Studienzeit ging es dann weiter. Ich hatte das erste Mal eine Küche nur für mich und konnte tun und lassen, was ich wollte. Das hat meiner Kreativität in der Küche einen enormen Schub verpasst. Und ja, glücklicherweise war (und ist) mein heutiger Mann genauso ein Foodie, sodass wir uns gegenseitig immer wieder angesteckt haben.

Der Sauerteig, mit dem wir heute backen, ist bald schon 6 Jahre alt und häufig umgezogen. Seitdem backen wir, mal regelmäßiger und mal seltener, damit unser Brot. Und ja, auch Brötchen. Backwaren kaufen wir eigentlich gar nicht mehr ein, höchstens mal im Urlaub, wenn das vorgebackene Brot leer ist oder wir einfach mal wieder den Unterschied merken wollen.

Aber warum fasziniert mich der Sauerteig so sehr (dass ich sogar gerade ein Kinderbuch darüber schreibe)?

Für mich ist das Backen mit Sauerteig nicht einfach „nur“ Brotbacken, damit ich etwas zu essen habe. Für mich geht es um etwas viel tieferes.

Da ist Leben im Teig!

Für mich ist das Backen mit Sauerteig die Verbindung mit dem Leben.

Ich bin keine Biologin oder Sauerteig-Fachfrau, aber kurz zusammengefasst kann ich sagen: Im Sauerteig leben verschiedene Mikroorganismen. Das sind Milchsäurebakterien und Hefepilze. Diese Mikroorganismen sind „gut“, denn sie sorgen dafür, dass der Teig gesäuert und gelockert wird. So, nun aber genug der Fachsimpelei. Kurzum kann man sagen: Die Mikroorganismen sorgen dafür, dass das Brot lecker wird.

Doch der Sauerteig braucht Pflege. Sonst stirbt er sehr schnell ab. Er braucht Futter (in Form von Mehl und Wasser), möchte auch mal verbacken werden. Mit Sauerteig zu backen, ist also ein lebendiger Prozess, der Geduld und echte Hingabe erfordert. 

Sauerteig als Spiegel des Lebens

Mich hat das Backen mit Sauerteig einiges gelehrt. Und ja, jeder Backtag ist eine neue Herausforderung, ein neuer Moment, noch tiefer in die Themen einzutauchen. 

Geduld

Ich bin oft ungeduldig und wünsche mir, dass die Dinge schneller gehen. Aber beim Brotbacken habe ich festgestellt, das Gutes einfach seine Zeit braucht. Etwas, das in der heutigen Welt kaum mehr möglich ist (ich möchte jetzt gar nicht näher darauf eingehen – aber die meisten Brote und Brötchen bekommen keine Zeit…). Einen Sauerteig kann man nicht hetzen. Er ist in seinem eigenen Tempo. Das heißt, wenn ich ein leckeres Brot backen möchte, muss ich mich seinem Tempo hingeben, vielleicht mal eine Pause machen und beobachten, wann der richtige Moment ist.

Und so ist es im Leben doch auch oft. Manche Dinge brauchen Zeit, um zu reifen, um wirklich gut zu werden. Egal, wie sehr wir sie beschleunigen wollen, das bringt uns nicht weiter.

Vertrauen

Auch ein spannendes Thema. Denn beim Sauerteig muss ich vertrauen, dass etwas passiert – auch wenn ich noch gar nichts sehen kann. Vor allem am Anfang, in der ersten Stunde, nachdem ich einen Teig gemacht habe, sieht man nichts. Wer schon einmal mit Hefe gebacken hat, weiß, dass es hier viel schneller geht. Sauerteig ist da gemütlicher. Und doch: auch wenn man noch nichts sehen kann, weiß ich inzwischen, dass ich vertrauen darf. Die Mikroorganismen arbeiten im Hintergrund und irgendwann kommt dann auch der Moment, wo ich es erkennen kann.

Im Leben gibt es so viele Momente, in denen wir auf das nicht sichtbare vertrauen müssen. Darauf zu vertrauen, dass etwas geschieht, auch wenn ich nichts erkennen oder sehen kann, ist manchmal eine große Herausforderung. Und dennoch ist es die einzige Möglichkeit, um entspannt durchs Leben zu gehen.

Verbundenheit

Alles hängt zusammen. Das habe ich schnell gelernt, als ich begonnen habe, mit Sauerteig zu backen. Denn der Sauerteig entsteht am Anfang durch natürliche Prozesse. Man rührt Mehl und Wasser zusammen und wartet dann darauf, dass die Mikroorganismen aus der Luft in den Teig kommen und so ein Sauerteig entsteht. Diese Mikroorganismen können wir nicht sehen – und dennoch können wir uns sicher sein, dass sie immer da sind.

Genau wie ein Sauerteig kein isoliertes Wesen ist, sind auch wir Menschen nicht isoliert. Wir sind alle Teil des großen Ganzen, eines lebendigen Miteinanders.

Herausforderungen und Krisen

Es ist nicht immer heiter Sonnenschein beim Backen mit Sauerteig. Manchmal verhält sich der Teig überhaupt nicht so, wie man es sich wünscht. Vielleicht ist er zu flüssig weil man ein anderes Mehl genommen hat und die Wassermenge überhaupt nicht passte. Oder aber die Temperatur und das Wetter (ich sag nur Gewitter…) sorgen dafür, dass er schneller oder langsamer als geplant geht. Und ja, da kommen dann manchmal auch Brote aus dem Ofen, die überhaupt nicht schön aussehen.

Ganz ehrlich: Ich bin sehr perfektionistisch. Und wenn ich dann einen Fladen aus dem Ofen ziehe oder das Brot wie ein Klotz wird, macht das was mit mir. Manchmal habe ich erstmal auch gar keine Lust mehr, weiterzubacken. Aber genauso ist es doch auch im Leben. Herausforderungen und Krisen kommen, egal wie man lebt und wieviel „Vorsorge“ man betreibt. Und immer bringen sie eine Wachstumsmöglichkeit mit. Wie beim Brotbacken lernen wir durch die Herausforderung etwas neues, lernen uns neu kennen oder vielleicht auch uns noch mehr zu vertrauen. Und wenn wir das verstanden und gelernt haben, geht es mit voller Kraft wieder voraus.

Individualität

Jeder Sauerteig ist einzigartig. (Ja, in unserem Kühlschrank leben inzwischen 4 verschiedene Sauerteige, und jeder hat eine andere Aufgabe…) Und auch jeder Backtag ist einzigartig. Selbst, wenn zwei Menschen mit den gleichen Zutaten und Rezepten arbeiten würden, wird das Brot immer unterschiedlich schmecken. (Mit ein Grund, weshalb die Industrie inzwischen anders backt, denn es soll ja immer alles gleich schmecken.) Das liegt an vielen verschiedenen Facetten: zum Beispiel den Mikroorganismen im Sauerteig, aber auch dem Mehl, der Gehzeit und der Temperatur.

Und so individuell sind wir Menschen doch auch. Jeder Mensch hat seine Geschichte und seinen ganz eigenen Weg. Und genau das ist es doch, was jeden einzelnen von uns ausmacht.

Brotbacken und Verbindung

Brotbacken ist für mich mehr als ein Handwerk – es ist eine Reise der Sinne und ein Ritual, das mich mit mir selbst und dem Leben verbindet. Für mich ist es ein Zu-mir-kommen, ein in-Verbindung-gehen. Ich knete meist mit den Händen. Das ist zwar anstrengend und ich komme manchmal ganz schön ins Schwitzen, aber gleichzeitig spüre ich so viel mehr. Ich bin richtiggehend in Kontakt mit dem Teig und merke, wie er sich mit der Zeit verändert. Und die Langsamkeit und Hingabe sind für mich immer wieder eine Erinnerung, genauso auch auf das Leben zu schauen und mir selbst zu erlauben, mich in Ruhe zu entwickeln.

Für mich ist jedes Brot, das aus dem Ofen kommt, ein kleines Wunder. Und jedes Mal, wenn ich den ersten Bissen nehme, weiß ich: Es lohnt sich, Zeit, Hingabe und Liebe in die Dinge zu stecken. Und manchmal braucht es einfach nur einen Sauerteig, um mich daran zu erinnern.

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