Warum wir erst verstehen wollen, bevor wir verändern

Unser Haus war schon da, bevor wir kamen.

Eigentlich klingt dieser Satz ziemlich unspektakulär, oder? Schließlich ist unser Bergbauernhof in Slowenien fast 200 Jahre alt. Und wir besitzen ihn gerade erst seit drei Jahren.

Und trotzdem steckt für mich inzwischen unglaublich viel in diesem Satz.

Denn seit wir im Frühsommer mit unserem ganzen Leben hier eingezogen sind, geht es nicht mehr nur darum, wie wir wohnen möchten. Plötzlich treffen wir Entscheidungen über etwas, das lange vor uns entstanden ist und sehr wahrscheinlich auch nach uns noch da sein wird.

Die Frage ist für mich deshalb nicht:

Was wollen wir aus diesem Haus machen?

Sondern:

Was ist eigentlich schon da?
Und wie können wir unser heutiges Leben darin unterbringen, ohne das Vorherige einfach auszulöschen?

Ein Rollenwechsel: Von Besuchern zu Verantwortlichen

Vor drei Jahren haben wir unseren alten Bergbauernhof in Slowenien gekauft. In den ersten Jahren waren wir immer nur für ein paar Wochen im Haus. Letztes Jahr verbrachten wir dann einen Großteil des Sommers hier. 

Im letzten Winter entstand schließlich die Entscheidung, das Haus auch im Winter bewohnbar zu machen. Also reisten wir im Frühsommer mit all unserem Hab und Gut nach Slowenien.

Mit dem Einzug veränderte sich auch unsere Rolle: bisher waren wir eher wie Besucher, die immer wieder für einige Wochen hier lebten. Aber nun wurden wir zu denen, die dauerhaft Verantwortung für diesen Ort übernehmen wollten.

Von heute zurückschauend würde ich sagen: Damals, vor wenigen Monaten, hatte ich noch keine Ahnung, was diese Entscheidung wirklich bedeuten würde.
Was ich damals auch noch nicht wusste, war, wie diese Verantwortung konkret aussehen würde.

Denn ich gehe vollkommen anders als viele Menschen an diese Renovierung heran:

Ich sehe meine Aufgabe nicht darin, dem Haus eine völlig neue Identität zu geben. Ich versuche vielmehr, Wege und Möglichkeiten zu finden, wie unser heutiges Leben darin einen Platz finden kann, ohne die Geschichte des Hauses auszulöschen.

Was machen wir daraus?

Schon mehrfach habe ich beobachtet: Immer wenn Menschen ein Haus kaufen, wird ziemlich schnell über die Zukunft gesprochen.

Es wird gefragt, was man damit vorhat. Oder darüber gefachsimpelt, welche Wände rauskommen, welche Böden reinkommen, wie alles heller, moderner und komfortabler wird und wie es am Ende aussehen soll.

Kurzer Sidefact: Ja, auch wir haben diese Fragen immer wieder gehört.
Aber wir hatten bisher keine Antwort darauf. 

Denn statt uns vor allem damit zu beschäftigen, was einmal sein könnte, hat uns eine andere Frage beschäftigt:

Was ist eigentlich heute schon da?

Unser Haus war schon lange vor uns da

Unser Haus, das wir inzwischen liebevoll „die alte Dame“ nennen, ist etwa 200 Jahre alt.

Es hat dicke Steinmauern, die aus den Steinen des Flusses direkt unterhalb unseres Grundstücks gebaut wurden. Es gibt keine Zentralheizung, denn das Haus wurde immer nur mit Öfen beheizt. Und eigentlich hat jeder Raum seine ganz eigenen Besonderheiten.

Wenn ich dieses Haus betrete, merke ich jedes Mal wieder:

Wir sind nicht die Ersten, die dieses Haus gestalten.
Wir sind nur die Nächsten in einer langen Reihe.

Vor uns haben Menschen entschieden, gebaut, repariert, verändert und erhalten. Vieles davon können wir heute noch sehen. Anderes können wir nur erahnen.
Und jetzt sind wir diejenigen, die die nächsten Entscheidungen treffen.

Erst verstehen, dann entscheiden

Von außen betrachtet könnte man glauben, eine Renovierung bestehe vor allem aus Entscheidungen. Tatsächlich besteht ein großer Teil unserer Arbeit aber zunächst aus Kennenlernen.

So wie ich Häuser und Gebäude wahrnehme, kann ich nicht einfach mit einem Bagger kommen und das Haus abreißen. Darüber habe ich bereits einen Blogartikel geschrieben. Und ich kann auch nicht einfach all das alte, geschichtsträchtige Innere des Hauses herausreißen und einen heutigen Standard in das Gebäude hineinpressen.

Dennoch wollen wir das Haus bewohnbar machen.

Es soll bleiben dürfen, was es ist, aber auf keinen Fall ein Museum werden. Es soll ein bewohnbarer und vor allem lebendiger Ort sein.

Ich finde, das ist wie ein Tanz – alt mit neu so zu verbinden, dass etwas Neues entsteht, das den Charme und die Geschichte in sich trägt.

Grundsätzlich gehe ich bei allem, was gemacht werden muss, sehr behutsam vor. Ich beobachte das Haus und nehme wahr, was da ist.
Und ja, ich spreche auch mit dem Haus.

Wenn Ideen und Möglichkeiten entstehen, lasse ich sie zunächst wirken. Es gibt keine vorschnellen Entscheidungen. Erst wenn es wirklich passt, entscheiden wir.

Wenn ich mich dabei aus der Meta-Perspektive beobachte, stelle ich fest, dass ich diese Aufgabe eigentlich genauso angehe wie viele andere Dinge in meinem Leben.

Als allererstes möchte ich verstehen.

Ich frage mich:

            • Was ist das?
            • Warum ist das so?
            • Warum wurde es auf diese Art und Weise gemacht?
            • Was würde verloren gehen, wenn wir es ersetzen?

Erst wenn ich zumindest einen Teil von dem verstanden habe, fühle ich mich überhaupt in der Lage, eine Entscheidung zu treffen.

Denn nur wenn ich verstehe, kann ich wirklich Verantwortung übernehmen.

Für ein solches Vorgehen brauchen wir natürlich auch die passenden Handwerker.
Nicht jeder fühlt sich für uns passend an, und manchmal dauert es etwas länger, bis „der Richtige“ gefunden ist.

Aber meine Verantwortung ist es, gut für die alte Dame zu sorgen. Und deshalb wähle ich sehr bewusst, welche Menschen mit welcher Haltung, welchem Blick auf alte Häuser und welcher Energie ich in dieses Haus hineinlasse.

Was diese Haltung konkret bedeutet

Das alles klingt erstmal sehr theoretisch. In den vergangenen Monaten gab es aber schon einige Entscheidungen, die wir mit genau dieser Haltung getroffen haben.

Das Dach

Es war klar, dass ein Teil des Daches in diesem Jahr erneuert werden musste. Denn es war undicht, und der alte Dachbelag war inzwischen instabil. Bei jedem Sturm war die Gefahr groß, dass weitere Schindeln herunterkommen könnten.

Die Diskussion um den Dachbelag war kurz.

Wir wollten ein Material, das zum Haus passt und nicht irgendwann als Sondermüll entsorgt werden muss.

So wurden es Holzschindeln.

Die Diskussion mit dem Dachdecker über die Dämmung war schon etwas aufwendiger.

Aber im Hinblick auf das Haus, die Holzschindeln und unsere eigenen Werte waren wir sehr klar und konnten ihm erklären, warum wir bestimmte Dinge genau so haben wollten. Und er akzeptierte.

Das alte Dach war instabil und musste erneuert werden.

Die Öfen

Die Öfen waren ein Thema, das uns deutlich mehr Kopfzerbrechen bereitet hat.

Sie sind quasi unsere Lebensversicherung für den Winter. Ohne funktionierende Öfen können wir das Haus im Winter nicht heizen und damit nicht bewohnen.

Also mussten wir zunächst verstehen: Welche Öfen brauchen wir überhaupt? Welche können bleiben? Welche müssen ersetzt werden?

Beim Küchenofen war die Antwort schnell klar. Er ist vollkommen verrostet und zerfällt bereits. Er wird durch einen neuen ersetzt. 

Beim großen Kachelofen sah es anders aus. Gemeinsam mit den Ofenbauern konnten wir verstehen, was mit ihm gemacht werden muss, damit er erhalten bleibt und auch in den kommenden Jahrzehnten noch eine verlässliche Heizquelle sein kann.

 Zusätzlich entschieden wir uns für einen neuen Ofen im oberen Geschoss, damit auch dort an kalten Tagen geheizt werden kann und es gemütlicher wird.

Erhalten bedeutet für uns also nicht, dass zwangsläufig alles Alte bleiben muss.

Manchmal darf etwas gehen. Manchmal kann etwas repariert werden. Und manchmal braucht das Haus etwas Neues, damit es weiterleben kann.

Feuer im Kamin - unsere Wärmequelle bei Kälte

Feuer im Kamin – unsere einzige Wärmequelle bei Kälte

Die Fenster

Das Haus hat höchst individuelle, doppelte Holzfenster. Zunächst waren wir uns unsicher, ob sie erhalten werden können oder ob wir neue brauchen.

Aber für uns war klar, dass wir ihren Charakter möglichst bewahren wollten.

Dann fanden wir einen Restaurator, der auf den ersten Blick die Schönheit unserer alten Dame gesehen hat. Er verstand sofort, was uns wichtig war, und brachte gleichzeitig seine fachliche Expertise mit ein. Dadurch wurde es einfach.

Nun wird überall dort, wo es notwendig ist, das Glas erneuert. Die vorhandenen Holzrahmen werden restauriert und alles, was noch brauchbar ist, wird erhalten. Alles, was fehlt, oder nicht mehr erhalten kann, wird ersetzt.

Statt zum Sperrmüll zu werden, dürfen unsere Fenster so noch viele weitere Jahre ihre Aufgaben erfüllen.

Die alten Holzfenster werden restauriert und dürfen dann weiterhin lang ihrer Aufgabe dienen.

Die alten Holzfenster werden restauriert und dürfen dann noch hoffentlich lange als Fenster dienen.

Wir haben viele Renovierungsprojekte – aber das Haus ist keines

Insgesamt würde ich unser Vorgehen so beschreiben:

Wir wählen nicht immer das Alte. Aber wir wollen wissen, warum wir etwas ersetzen – und was wir damit verlieren und gewinnen.

Natürlich haben wir viele einzelne Renovierungsprojekte: das Dach, die Öfen, die Fenster und noch einige mehr.
Aber das Haus selbst ist für mich kein Projekt.

Normalerweise hat ein Projekt ein sehr klar definiertes Ziel, einen Zeitplan und irgendwann einen Zustand, in dem es als abgeschlossen gilt.

Unser Haus wird diesen Zustand nie erreichen.

Es wird weiterhin altern, auf äußere Umstände reagieren und sich verändern. Es wird gepflegt, repariert und erhalten werden müssen. Manche Dinge werden hinzukommen, andere irgendwann verschwinden.

Es sind viele kleine Projekte.
Aber es ist nicht ein großes Projekt.

Denn wenn ich das Haus nur als Projekt betrachten würde, wäre mein Blick auf allem, was noch nicht fertig ist.
Deswegen sehe ich es lieber als Zuhause und als einen lebendigen Ort. Denn dann wird auch das sichtbar, was bereits da ist, funktioniert und bleiben darf.

Wir schreiben die neue Geschichte des Hauses

Heute sind wir für das Haus verantwortlich.

Aber sehr wahrscheinlich wird das Haus uns überdauern.
Unsere Entscheidungen werden in vielen Jahren die Grundlage für andere Menschen sein, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen.

Wir werden Teil der Geschichte dieses Hauses werden, genauso wie all die Menschen vor uns, die hier gelebt, gearbeitet und es mitgestaltet haben.

Und genau deswegen glaube ich: Wir müssen das Haus nicht in einen früheren Zustand zurückversetzen. Wir dürfen unsere eigene Zeit hinzufügen.

Dabei möchte ich, dass unsere Spuren die vorherigen nicht vollständig auslöschen. Ich wünsche mir, dass wir sie ergänzen und erweitern.

Wir werden aus diesem alten Haus kein neues machen.
Wir dürfen einfach nur die Nächsten sein, die seine Geschichte weiterschreiben.

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